Japan hatte auch 2025 ein neues Rekordtief bei der Geburtenrate. Trotz Milliarden an staatlichen Fördergeldern, trotz weltklasse Elternzeit für Väter, trotz ausgebauter Kinderbetreuung. Könnte das Smartphone schuld sein?
Eine These, die gerade international diskutiert wird, klingt zunächst fast zu simpel: Das Smartphone ist schuld. Oder genauer: Smartphones und Social Media. Ausgelöst hat die Debatte ein Artikel der Financial Times, der eine überraschend lebhafte Diskussion entfacht hat – und dabei einen Punkt trifft, den viele Regierungen bisher lieber ignorieren.
Wenn Geld allein nicht reicht
Japans Regierung hat lange auf den ökonomischen Hebel gesetzt. In Umfragen nannten Menschen immer wieder das gleiche Argument: zu wenig Geld, zu hohe Kosten für ein Kind. Die Antwort der Politik: mehr Zuschüsse, mehr Anreize, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Und trotzdem: Die Geburtenrate sinkt weiter. Das deutet auf etwas hin, das sich nicht einfach mit Kindergeld lösen lässt, obwohl es vielleicht noch schlechter um die Geburtenrate bestellt wäre, gäbe es nicht Maßnahmen wie ausgebeute Kinderbetreuung oder eben Kindergeld. Trotzdem: Der Wandel sitzt tiefer – und er betrifft nicht nur Japan.
Ein globales Phänomen
Kinderlosigkeit ist längst kein ostasiatisches Phänomen mehr. Italien und Spanien kämpfen mit extrem niedrigen Geburtenraten unter der 1,0-Prozent-Grenze. In England und Wales wurden zuletzt nur 1,39 Kinder pro Frau geboren – ein 50-Jahres-Tief. In Schweden, das für seine familienfreundliche Politik bekannt ist, ist staatlich finanzierte Unfruchtbarkeitsbehandlung mittlerweile Wahlkampfthema. Selbst in bevölkerungsreichen Ländern wie Indien sinkt die Fertilität spürbar.
Und Südkorea? Der japanische Nachbar hat eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit. Zwar durfte sich ROK 2025 immerhin über eine leichte Erholung freuen, der Trend bleibt aber: Auch hier kommen zu wenig Kinder zur Welt.
Was also verbindet so unterschiedliche Gesellschaften in diesem einen Punkt?
Die These: Smartphone und Social Media als Beziehungsstörer
Eine Studie des Middlebury College in den USA liefert einen aufschlussreichen Befund. Forscherin Caitlin Myers hat über Jahre hinweg Gemeinschaften begleitet und verglichen: solche mit Mobilfunkempfang und solche ohne. Das Ergebnis ist eindeutig – in Gebieten mit Netzabdeckung wurden weniger Kinder geboren als in Gebieten ohne.
Die intuitive Erklärung dafür kennt wohl jede und jeder: Dating-Apps, die auf Engagement optimiert sind, nicht auf erfolgreiche Partnerschaften. Abende, die mit Doomscrolling enden statt mit echten Gesprächen. Der ständige Vergleich mit den besten Versionen anderer Menschen auf Instagram und TikTok. Soziale Medien aktivieren Mechanismen, die uns an den Bildschirm fesseln – und gleichzeitig das reale Miteinander aushöhlen.
Aber: Die Geschichte ist komplizierter
Wer das Smartphone als alleinigen Schuldigen identifiziert, greift jedoch zu kurz. In Japan zum Beispiel sank die Geburtenrate bereits 1974 unter das Bestandserhaltungsniveau – also Jahrzehnte vor dem ersten Smartphone. Der demographische Wandel hat tiefere strukturelle Wurzeln: veränderte Rollenbilder, steigende Bildungsniveaus, wirtschaftliche Unsicherheit.
Eine umfassende Vergleichsstudie aus dem Jahr 2023, erschienen in BMC Women’s Health und basierend auf 27 Untersuchungen aus 16 Ländern – darunter die USA, Japan, Südkorea, Indien, Nigeria, Brasilien und mehrere europäische Staaten – kommt zu einem differenzierten Urteil: Medien können die Geburtenrate beeinflussen, aber es kommt immer auf den gesellschaftlichen Kontext an. Und: Auch klassische Medien wie Fernsehen und Zeitungen haben bereits die Erwartungen von Frauen und Männern geprägt – lange vor Social Media. Nicht zuletzt hat laut dieser Studie mediale Berichterstattung konsistent dazu beigetragen, das Wissen über Verhütung zu verbreiten.
Das Smartphone beschleunigt also Trends, die es nicht erfunden hat.
Was kommt nach dem Smartphone?
Das eigentlich Beunruhigende an dieser Debatte ist auch nicht das Smartphone an sich. Es ist die Frage, was als nächstes kommt.
Connor Leahy, US-Geschäftsführer der Organisation Control AI und KI-Kritiker, sieht in der Technologie einen massiven Beziehungsstörer – nicht erst seit gestern, sondern seit den 1980er Jahren. Im Interview mit der Deutschen Welle argumentiert er: Große Tech-Konzerne optimieren ihre Produkte nicht für menschliches Wohlbefinden, sondern für Profit. Dating-Apps privatisieren soziale Interaktion und schreiben Regeln vor, die frühere Generationen nicht kannten.
Und jetzt steht KI vor der Tür. KI-Chatbots, die zu affirmativ im Umgang wurden und erst nach Todesfällen unter Teenagern reguliert wurden, könnten die nächste große Ursache für die Kinderlosigkeit werden. Künstliche Beziehungen, die reale ersetzen könnten. Es sind keine Science-Fiction-Szenarien mehr.
Die eigentliche Frage
Ob das Smartphone die Geburtenrate direkt gesenkt hat oder nur ein Symptom tieferer Verschiebungen ist – diese Debatte ist wichtig. Aber noch wichtiger ist die Frage dahinter: Wer gestaltet, wie wir miteinander umgehen?
Die Tech-Welt war lange der Wilde Westen. Urheberrecht, Datenschutz, psychische Gesundheit – all das hinkte der Entwicklung hinterher. Jetzt kommt KI, die diese Dynamik potenziert.
Der Trend zu weniger Kindern ist da, um zu bleiben. Die gesellschaftliche Antwort darauf darf nicht nur in Kindergelderhöhungen bestehen. Sie muss auch fragen: Welche Rolle spielen die digitalen Systeme, in denen wir immer mehr unseres Lebens verbringen? Und wem nützen sie eigentlich?

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