Der Dollar hat vor kurzem die 163-Yen-Marke geknackt. So wenig war der Yen seit den 1980er Jahren nicht mehr wert. Wer aus Europa nach Japan reist, kommt noch günstiger weg: Ein Euro bringt derzeit rund 185 Yen. Was für Touristen ein Geschenk ist, geht auf Kosten der japanischen Bevölkerung. Warum, erkläre ich hier.
Japan ist das Kredithaus der Welt
Der Grund für den anhaltenden Verfall der japanischen Währung liegt nicht zuletzt in einem Mechanismus, den Finanzleute als Yen-Carry-Trade bezeichnen: Man leiht sich in Japan Geld zu sehr niedrigen Zinsen, investiert es anderswo zu höheren Renditen — und streicht die Differenz ein.
Die japanische Zentralbank hat den Leitzins im Juni auf 1 Prozent angehoben. Für Japan ist das historisch, historisch hoch nämlich. Sie haben lange eine Null-Zins-Politik gefahren. Für den Rest der Welt ist es trotzdem nahezu nichts: Die US-Notenbank FED hält ihre Zinsen bei 3,5 bis 3,75 Prozent, die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzins zuletzt auf 2,25 Prozent angehoben. Die Lücke bleibt groß. Japan bleibt das günstigste Kredithaus der Welt — und so lange das so ist, wird der Yen schwach bleiben.
Die japanische Finanzministerin hat mehrfach Interventionen angedroht. Der Markt hat aber nicht reagiert. Beobachter sprechen inzwischen von Lippenbekenntnissen. Der Markt hat auch kaum auf die Zinserhöhungen der japanischen Nationalbank reagiert. Was ist da los?
Löhne, die nicht folgen
Wenn eine Währung sehr günstig ist, dann ist das gut für den Export. Japan exportiert derzeit so viel wie selten: Halbleiter, Schiffe, Maschinen, Pharmazeutika, alles, was aus Japan kommt, ist im Ausland günstig zu haben. Tourismus wird statistisch als Export gewertet, und auch hier verzeichnet Japan große Einnahmen.
Dass sich dieser Exportboom in den Geldbeuteln der Bevölkerung niederschlägt, ist jedoch bisher nicht passiert. Die Inflation steigt schneller als die Löhne. Die Reallöhne sind im Minus. Das ist keine neue Entwicklung: Japanische Löhne stagnieren seit Jahrzehnten. Die Hoffnung, dass eine anziehende Inflation endlich auch die Lohnentwicklung mitziehen würde, hat sich bisher nicht erfüllt.
Die Konsequenz ist messbar. Die OECD hat Japan 2024 auf Platz 24 im Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt eingestuft. So niedrig wie zuletzt in den 1990er Jahren. Spanien und Slowenien liegen jetzt vor Japan.
Deutschland kauft ein
Für deutsche Firmen hat der schwache Yen eine eigene Logik. Exporte nach Japan laufen schlecht: Was aus Deutschland oder Europa kommt, ist gemessen am japanischen Haushaltseinkommen zum Luxusgut geworden. Deutsche Unternehmen reagieren mit einem anderen Ansatz, sie kaufen in Japan ein. Bosch etwa hat ein Werk für Klimaanlagenherstellung in Japan übernommen. Einer IHK-Umfrage zufolge planen auch mehr deutsche Unternehmen, ihre Produktionskapazitäten in Japan in den kommenden Jahren auszubauen. Die Rechnung ist einfach: Japanische Fertigung ist günstig, qualitativ hochwertig und der Standort ist so preiswert wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Ob das der Plan der japanischen Regierung ist, nämlich ausländische Investitionen mit einem künstlich schwachen Yen ins Land locken, bleibt Spekulation. Premierministerin Takaichi hat bisher keine kohärente Erklärung geliefert, wie der schwache Yen in ihre Wirtschaftspolitik passt. Gleichzeitig betont sie, keine neuen Schulden machen zu wollen. Aber irgendwo muss das Geld doch herkommen.
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