
Wer kommt noch zurück?
Vor einem Monat wurde eine entlegene Gegend in Japan von einem schweren Erdbeben getroffen. Aber das Beben ist nicht die einzige Katastrophe. Mit einem Schlag wurde eine Entwicklung beschleunigt, die den Landstrich für immer prägen wird: Die Entvölkerung.
Veröffentlichung: 1. Feburar 2024
Manche denken, die verwüstete Straße vor meinen Augen wäre der Zorn der Götter. Wir fahren auf einer der wenigen Straßen, die auf die japanische Noto-Halbinsel führen. Sie wurde vor einem Monat von einem großen Erdbeben der Stärke 7,6 heimgesucht. Das war am Neujahrstag, mitunter der wichtigste Feiertag Japans. Daher denken viele, vor allem in den sozialen Medien, dass es ein schlechtes Omen sei.
Der Asphalt biegt sich aus der Erde wie kleine Ungetüme, Autos fahren vorsichtig an ihnen vorbei. Jeder, der hier passiert, ist in Habachtstellung, ob nicht gleich etwas passiert, ein unvorhergesehenes Nachbeben oder auch weitere Erdrutsche. Wir müssen oft auf die Gegenfahrbahn wechseln, weil die Straße sonst nicht befahrbar wäre. Noch etwa zwei Stunden dauert es, schätzen wir, um zur Stadt Wajima zu gelangen. Sie ist eine von 35 Städten und 11 Kleinstädten, die von dem Erdbeben getroffen wurden.
Die von der Halbinsel herausfahrenden Autos sind nicht zu sehen. Sie nehmen eine andere Route, eine andere Straße, weil auch sie auf die Gegenfahrbahn ausweichen müssen. Wir sehen sie nicht, die Menschen, die wegkommen wollen.
Szenen aus dem aufgeräumten Chaos
Nach etwa drei Stunden zähfließendem Verkehr stehen wir da, inmitten der Verwüstung. Ein ganzes Viertel ist in dieser kleinen Stadt niedergebrannt. Wir gehen nur an den Rändern entlang, alles ist Schutt und Müll. Müll, der vor ein paar Wochen noch jemandem gehörte. Wir sehen viel Geschirr aus Keramik, manches ist sogar intakt. Ich hebe eine Keramik-Tasse auf, auf der etwas Glas geschmolzen ist. Die Keramik-Tasse selbst hat die hohen Temperaturen überlebt. Im Glas ist etwas Schwarzes eingeschlossen, Staub nehme ich an. Sie kommt in meine Tasche. Freunde werden später sagen, dass ich die bösen Geister mit der Tasse mitgebracht habe.
Im Leihauto haben wir Vorräte mitgenommen, für alle Fälle, Wasser und Snacks hauptsächlich. Wir haben mehr als nötig mitgenommen, um es den Leuten vor Ort geben zu können. Aber nach einem Monat sind die Menschen relativ gut mit den Grundnahrungsmitteln versorgt und möchten, aus Höflichkeit, nichts annehmen. Es gibt Trinkwasser und Gebrauchswasser aus der Notversorgung, sie kommen schon über die Runden, erzählt uns eine Frau. Einen Monat nach der Katastrophe leben noch 3.000 Menschen in Wajima und 8.500 Menschen in der gesamten Region in Notunterkünften.
Vielleicht wäre eine Delikatesse besser gewesen? Etwas, das für Komfort und Luxus steht? Etwas, das die Menschen an eine Normalität erinnert? Einen Monat nach dem Erdbeben sind die Menschen erschöpft davon, die Zerstörung tagtäglich vor Augen zu haben, sie sind erschöpft davon, dass all die Freiheiten des Alltags auf einmal weg sind.
Am Rathaus haben Ersthelfer Zelte aufgebaut. LKWs versorgen mit Wasser und Nahrungsmitteln. Es ist zwar ein sonniger Tag, aber zuvor war es in der Gegend sehr kalt, sogar bis Minustemperaturen. Das größte Problem sei aber, dass es derzeit kein fließend Wasser gäbe, sagt uns einer der Helferinnen, die selbst aus dem Ort kommt, die Logistik sei auf der Halbinsel schwer zu organisieren. Die japanischen Selbstverteidigungskräfte wichen auf Versorgungswege über See oder aus der Luft aus. Das hat die Notversorgung erheblich behindert.

Kein Job, keine Zukunft
Eigentlich kommen in der abgelegenen Gegend wenig Erdbeben vor. Das Gebiet ist stabil und für sein altes Kunsthandwerk bekannt. Das heißt aber auch, dass viele junge Menschen in die Städte abgewandern müssen. Es gibt schlicht zu wenig Zukunftsperspektiven. Die Noto-Halbinsel kämpft besonders mit dem Bevölkerungsschwund, den man überall antrifft und der die japanische Gesellschaft langsam erodiert.
Das Erdbeben traf keine junge, wachsende Stadt. Sondern eine, die mit Wegzug und Überalterung zu kämpfen hat. Schon vor dem Erdbeben schrumpfte Wajima dramatisch. Im April 2023 war fast jeder zweite Einwohner mindestens 65 Jahre alt. Im vorangegengegangenen Jahr schrumpte die Stadt um 310 Menschen, der sogenannte Sterbeüberschuss war deutlich höher. Er betrug 633 Menschen. Dagegen wurden nur 76 wurden geboren.
In Wajima gab es viele traditionelle Häuser aus Holz. Historische Architekturen, die die Verbindung zum alten Kunsthandwerk atmeten. Leider sind diese aber auch besonders anfällig für Brände. Das ist der Hauptgrund, warum ein komplettes Viertel in Wajima niederbrannte. Häuser werden heute kaum mehr aus Holz gebaut, eben aus Katastrophenschutzgründen. 46.000 Häuser sind insgesamt zerstört.
Aber es ist bereits klar, dass auch viele nicht mehr zurückkehren werden, die evakuiert wurden. Zu was noch?

Etwas außerhalb der Stadt besuchen wir ein Künstlerehepaar. Sie sind Meister und Meisterin einer speziellen traditionellen Pinseltechnik, in der Schildpatt und das sogenannte ein bestimmtes Harz, Urushi, verwendet wird. Die aus Wajima kommende Technik nennt man Wajima-nuri. Er malt Vögel, Bäume und Bambus, sie bemalt Schmuck mit abstrakten Motiven. Seine Werke seien schon in wichtigen Gallerien in Tokyo ausgestellt worden, meint der 72-jährige Kaoru Uchino stolz.
“Ich werde Wajima niemals aufgeben”, sagt er. Seine Frau nickt. Ich frage die beiden, was denn wäre, wenn sie noch jünger wären? “Das wäre etwas anderes. Ich kann verstehen, wenn junge Menschen nicht mehr zurückkommen wollen. Es gibt hier nicht viel”, räumt der Künstler ein. “Ein paar junge Menschen haben sich ein Herz gefasst und versucht, über Crowdfunding die Region neue Vereine die Region zu beleben. Das war vor dem Erdbeben. Aber jetzt, wo alles zerstört ist, sehe ich nicht, wo sie wieder anknüpfen könnten.” Dabei gäbe es eigentlich viel zu lernen. Das Wajima-nuri, die traditionelle Pinseltechnik von Wajima, ist als nicht-greifbares Kulturerbe in Japan anerkannt.
Miyako Uchino bringt uns einen Tee. Wir sehen sie beklommen an. “Haben Sie denn genug Wasser?”, frage ich vorsichtig. Miyako lächelt. “Machen Sie sich mal keine Sorgen. Wir bekommen Trinkwasser über die Notversorgung. Bitte, halten Sie sich nicht zurück, trinken Sie.” Die Leitungen, es gäbe Probleme, meint Miyako Uchino weiter. Davon seien nicht nur sie betroffen. Das sei Trinkwasser aus der Notversorgung. Ich nehme einen Schluck, entschlossen, alles aufzutrinken.
Nur teilweise fließend Wasser
Noto ist nicht nur schlecht zu erreichen für all die Spezialisten, die aus ganz Japan kommen, um beim Wiederaufbau der kritischen Infrastruktur zu helfen. “Durch die Verflüssigung des Bodens können wir die Rohre kaum reparieren,” erzählt uns Shuto Nakamura von der Tokyoter Wasserbehörde, der derzeit den Wiederaufbau der Wasserleitungen verantwortet. Der Boden sei zu weich, gebe nach.
Der Ton- und Lehmboden der Stadt seien besonders für eine Verflüssigung anfällig, die besonders nach starken Erdbeben auftreten. Dazu hatte es noch nach dem Erdbeben extrem stark geregnet. “Durch diese Verflüssigung werden sich die Wiederaufbauarbeiten erheblich verzögern,” Nakamura zeigt auf Straßenränder, die sichtlich abgesunken sind.
“Ein anderes Problem ist, dass die städtischen Pläne der Wasserleitungen teilweise nicht vorhanden oder fehlerhaft sind. Wir müssen mühsam rekonstruieren, wo die Leitungen ehemals verliefen.” Das würde ebenfalls eine Weile dauern, meint er.
Dabei ist die japanische Katastrophenhilfe in der Regel sehr gut ausgebaut. Beim letzten großen Erdbeben im südlichen Kumamoto 2016 war die Wasserversorgung sehr schnell wieder hergesellt, etwa zwei Wochen dauerte es. Die Menschen in Wajima müssen dagegen noch eine Weile mit der Notversorung vorlieb nehmen.

Mühsamer Wiederaufbau und die große Frage „Wozu“?
Die Stadt hat dafür auch gut vorgesorgt. Nach vier Wochen ist eine gewisse Ruhe eingekehrt. Notunterkünfte sind errichtet. Der erste Schockzustand ist vorbei, Müdigkeit setzt ein und Hilfslosigkeit, eine neue Normalität.
Aber dabei bleibt die Frage, ob man genügend Kraft hat, alles wiederaufzubauen? Das große „Wozu“ drängt sich in den Raum. Das gilt auch für die Fischerei, die eine traditionell wichtige Rolle für die Region spielt.
Es wird Jahre dauern, bis sich die Fischerei weitestgehend erholt haben wird. Durch das Erdbeben und die anschließende Tsunami ist der Meeresboden aufgewühlt worden, ganze Riffe wurden zerstört. Der Meeresboden ist, kurz gesagt, eine Wüste. “Ich hoffe, dass wir dieses Jahr wieder mit der Austern-Zucht starten können”, meint der Fischer Tetsuya Miyamoto. Wir treffen ihn in den Gebäuden der hiesigen Fischereivereinigung. Austern werden an langen Seilen ins Meer gelassen. In Jakobsmuscheln vorgezogen, verbringen sie etwa 1,5 Jahre im Meer, bevor Fischer sie mit einem Kran holen. Manchmal dauert es auch zwei Jahre.
Durch die Tsunami wurden fast alle Seile weggerissen. Generell werden Austern früh im Jahr bis zum Frühjahr ausgesetzt. Der Fischer Miyamoto könnte bald wieder mit der ersten Generation starten.
Andere Fischer haben es leichter. Gegenüber Tetsuya Miyamoto sitzt ein jüngerer Fischer namens Kento Mori, der sich auf Seegurken spezialisiert hat. Miyamoto zieht den jüngeren mit einem etwas schiefen Lächeln auf, dass Seegurken ja sehr einfach zu fischen sind. Ich frage, ob die Seegurken noch da sind. Ja, Seegurken kämen schnell wieder, die seien nicht so einfach zu vertreiben, lacht auch Mori. Man sieht Miyamoto an, dass er die größere Last trägt.
Der neue Alltag
Zurück am Rathaus dürfen wir noch einen Blick auf die Notfallausstattung werfen. Vieles sei inzwischen wieder aufgeräumt, sagt Nagisa Sakamoto, der Verantwortliche vor Ort. Er zeigt auf Schlafsäcke. In einem der Konferenzsääle stehen Palettenweise Wasser und trockene Kekse. Diese seien allerdings für den Notfall bestimmt, mahnt er.
Vor dem Rathaus schöpfen noch einige Menschen Trinkwasser aus einem Tank. Daneben stehen Zelte mit Toiletten und Duschen. Ein Soldat fragt uns, ob wir hineinschauen möchten. Im Eingangsbereich stehen ein kleiner Hocker und ein Platz, an dem man die Schuhe auszieht. Dann führt ein verschließbarer Eingang in den Duschbereich. Er ist überraschend geräumig. Auch warmes Wasser gibt es, versichert der Soldat.
Für einen Moment ist ein Stück Alltag zurückgekehrt. Doch an der nächsten Straßenecke erinnern uns eingestürzte Häuser daran, wie weit die Stadt noch von Normalität entfernt ist.
Wie stark ein Erdbeben eine Entvölkerung beschleunigt, wurde bisher nicht gemessen. Aber andere kleine Küstenstädte, die 2011 von Erdbeben und Tsunami, aber nicht von der nuklearen Katastrophe getroffen wurden, verzeichnen einen deutlichen Bevölkerungsschwund. Grund sei vor allem, dass fehlende Infrastrukturen erst wieder aufgebaut werden müssten.
Wie stark ein Erdbeben die Entvölkerung einer Region zusätzlich beschleunigt, lässt sich nur schwer beziffern. Doch der Blick auf andere Küstenstädte in Japan zeigt, wie tiefgreifend die Folgen sein können. Auch in den 2011 von Erdbeben und Tsunami getroffenen Gebieten von Iwate und Miyagi, die nicht von der Nuklearkatastrophe betroffen waren, ist die Bevölkerung deutlich geschrumpft. Zerstörte Infrastruktur und der langwierige Wiederaufbau erschwerten den Menschen, in ihre Heimatorte zurückzukehren.
Eine unaufhaltsame Entwicklung?
In Noto werden vor allem die bleiben, die einen großen Teil ihres Lebens auf der Noto-Halbinsel verbracht haben. Vielleicht kehren auch einige jüngere Menschen zurück, um mit staatlicher Unterstützung kleine Unternehmen aufzubauen oder traditionelle Handwerke zu erlernen, für die Wajima bekannt ist. Trotzdem wird die Bevölkerung schrumpfen. Infrastruktur und öffentliche Einrichtungen werden unter Druck geraten. Schulen und Rathäuser könnten zusammengelegt werden. Damit könnte für Viele der Wegzug zur einzigen realistischen Möglichkeit werden.
Damit stellt sich auch eine schwierige Frage: Muss jede Siedlung um jeden Preis erhalten bleiben? Aus Sicht der Katastrophenhilfe kann die Versorgung verstreuter, schwer erreichbarer Orte besonders aufwendig sein. Japan ist schließlich zu 70 bis 80 Prozent von unwegsamem Gebiet geprägt.
Für einige mag eine Konsolidierung der Infrastrukturen die Versorgung im Katastrophenfall erleichtern, für andere ist das Verschwinden einzelner Siedlungen hingegen keine Lösung. Für die Menschen, die bleiben wollen, steht weit mehr auf dem Spiel als die Erreichbarkeit von Hilfskräften. Es geht auch um Traditionen, Heimat, um Generationen, um Verwurzelung.
Vielleicht geht es deshalb nicht darum, das Schrumpfen um jeden Preis aufzuhalten, sondern darum, wie eine Region damit umgeht: Welche Orte sollen erhalten bleiben, welche Versorgung muss gesichert werden, und wer entscheidet darüber? Vielleicht geht es viel mehr darum, stabile Gemeinschaften zu schaffen, die auch mit einer kleinen Bevölkerung die nötige Infrastruktur bereitstellen können? Für Wajima könnte das die nächste große Herausforderung sein.
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